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Wie konnte das geschehen? – Der Historiker Götz Aly am Julius-Echter-Gymnasium

03. Juli 2026

„Wie konnte das geschehen?“ – Diese Frage war Ausgangspunkt eines Vortrags, den der renommierte Historiker Götz Aly am Vormittag des 1. Juli in der Aula des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld hielt. Wie in seinem gleichnamigen Buch stellte Aly die seiner Ansicht nach ausschlaggebenden Bedingungen vor, unter denen Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord möglich wurden. Eingeladen hatte das W-Seminar „Die Deutschen und der Nationalsozialismus“, das sich unter der Leitung von Marcel Giloj und Alexander Thum intensiv mit Alys Thesen beschäftigt. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern waren die 9. und 12. Jahrgangsstufe des JEG, ein Geschichtskurs des Hermann-Staudinger-Gymnasiums Erlenbach mit ihren Lehrkräften und viele weitere Interessierte.

Herrschaftssicherung durch soziale Wohltaten

Bei seiner Erklärung richtete Götz Aly den Blick zunächst auf die vielen aufstiegswilligen jungen Deutschen, deren Karrierechancen durch die Weltwirtschaftskrise ab 1930 stark beeinträchtigt wurden. Zwar erhielt Hitler bei regulären Wahlen nie eine Mehrheit, doch rund 60 Prozent der Deutschen wählten am Ende antidemokratische Parteien und damit die Weimarer Republik ab. Die „extreme Existenznot“, in der sich viele Haushalte damals bei nur rudimentären sozialstaatlichen Instrumenten befanden, könne man sich heute kaum vorstellen, so Aly. Wer die Situation von 1932 mit der Gegenwart gleichsetze, „spinnt“. Die Nationalsozialisten lockten mit dem Versprechen, nach einem Wahlsieg die wirtschaftliche Lage zu verbessern und damit den verwehrten Aufstieg doch noch zu ermöglichen. Laut Aly wurde dieses Versprechen teilweise eingelöst; es habe eine erhebliche vertikale Mobilität gegeben, und vielen sei es unter Hitler materiell besser gegangen.

NS-Funktionäre, oft selbst soziale Aufsteiger, erhöhten die Akzeptanz des Regimes bei den „kleinen Leuten“ durch soziale Wohltaten wie Pfändungsschutz oder eine stärkere steuerliche Belastung Wohlhabender. „Leute, die Geld kriegen, hinterfragen nicht, wo es herkommt, sondern freuen sich.“ Aly spitzt gern zu und ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zugleich geht es ihm darum, die NS-Zeit mehrdimensional zu betrachten und vor allem sozialgeschichtlich zu erklären. Zu seinen bekannten, nicht unwidersprochenen Thesen gehört, dass die breite Zustimmung zum Regime, von dem viele Deutschen profitierten, zu wenig im Fokus der Geschichtsvermittlung stünde, welche lieber die Schrecken der NS-Diktatur herausstreiche.

Vom „gedämpften Antisemitismus“ zum Holocaust

Ein weiterer Erklärungsansatz ist für Aly der „gedämpfte Antisemitismus“, der in Deutschland lange vor 1933 existierte und dessen integrierende Wirkung von Hitler geschickt für seine Zwecke instrumentalisiert wurde. Den im statistischen Vergleich häufig gebildeteren und erfolgreicheren jüdischen Mitbürgern begegneten viele Deutsche mit Neid: „Neid findet in der Nähe statt,“ so Alys eingängiges Diktum. Die Nationalsozialisten griffen diese Vorurteile auf und drängten die Juden bis 1939 schrittweise aus dem Wirtschaftsleben. Viele Deutsche hatten gegen die Entrechtung der Juden wenig einzuwenden, da sie von ihr profitierten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs radikalisierte sich das Regime ein weiteres Mal. Hitler wollte vermeiden, dass die Deutschen wie im Ersten Weltkrieg hungerten, und hielt die zunächst kriegsunwillige Bevölkerung durch funktionierende Lebensmittelzuteilung sowie höhere Löhne und Gehälter, gerade auch für die vielen nun arbeitenden Frauen, bei Laune. Möglich wurde dies durch die Ausbeutung von etwa neun Millionen Zwangsarbeitern sowie durch Plünderung und Mord an der jüdischen Bevölkerung in den eroberten Gebieten. Die langsame Gewöhnung an Gewalt während der ersten Jahre der Diktatur zeigte in den Verbrechen der Wehrmacht nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 Wirkung: Innerhalb eines halben Jahres wurden etwa 900 000 Juden erschossen und 1,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene umgebracht. Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen ohne Beispiel, das laut Aly auf infame Weise herrschaftssichernd genutzt wurde: Die Deutschen gerieten in einen Sog des Verbrechens, der sie zu Hitlers Komplizen machte. Sie mussten nun mit ihm siegen, wenn sie nicht untergehen wollten. Dass viele wussten, was geschah, verdeutlichte Aly an Thomas Manns Rundfunkansprache vom November 1941, in der der Schriftsteller das „Unaussprechliche“ beim Namen nannte: den Völkermord an den Juden. Diese „Verbrechensgemeinschaft“ inszenierten die Nationalsozialisten bewusst, wie sich in Goebbels’ Tagebüchern nachlesen lässt. Sie erklärt mit, warum die Deutschen bis zuletzt kämpften und starben, obwohl spätestens 1944 jedem klar sein musste, dass der Krieg verloren war.

Hat Götz Aly die eingangs gestellte „Frage aller deutschen Fragen“ schlüssig beantwortet? Es ist an den Zuhörerinnen und Zuhörern, sich darüber – ganz in Alys Sinne –ihre eigene Meinung zu bilden. Den historischen Erklärungsmodellen für die Singularität der von Deutschen in Europa verübten Menschheitsverbrechen hat der streitbare Historiker auf jeden Fall einen plausiblen Ansatz hinzugefügt, der Bestand haben wird.

Thum