Zum Hauptinhalt springen

Erfahrungsbericht zum Erasmus+ Job Shadowing in Norwegen

24. Juli 2026

Bereits im Vorfeld des Aufenthalts waren wir gespannt darauf, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem norwegischen Bildungssystem sichtbar werden würden. Norwegen genießt europaweit einen hervorragenden Ruf hinsichtlich Bildungsqualität, Chancengleichheit und individueller Förderung. Daher bot das Job Shadowing die ideale Gelegenheit, Unterrichts- und Schulkonzepte nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern unmittelbar vor Ort zu erleben. Besonders interessant war für uns die Frage, wie Themen wie Inklusion, Digitalisierung und selbstständiges Lernen im Schulalltag umgesetzt werden und welche Anregungen sich daraus für die eigene schulische Praxis ableiten lassen.

Schon bei der Ankunft an der Dønski Videregående Skole wurde deutlich, dass eine offene und vertrauensvolle Lernkultur einen hohen Stellenwert besitzt. Die Schule präsentierte sich als moderner Lernort, der den Schülerinnen und Schülern vielfältige Möglichkeiten zur persönlichen und fachlichen Entwicklung bietet. Gleichzeitig wurde spürbar, dass ein respektvoller Umgang miteinander als selbstverständliche Grundlage des schulischen Zusammenlebens betrachtet wird.

Spitzensport an der Schule

Von den Sportlehrkräften erfuhren wir, dass die Schule eng mit regionalen Sportverbänden und Vereinen zusammenarbeitet. Dadurch erhalten leistungsorientierte Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, schulische Anforderungen und sportliche Karriereplanung miteinander zu verbinden. Beeindruckend war dabei insbesondere die professionelle Organisation der Trainingszeiten und die individuelle Betreuung der Jugendlichen.

Darüber hinaus fiel uns auf, dass die Lehrkräfte großen Wert auf die Vermittlung von Eigenverantwortung legen. Die Schülerinnen und Schüler werden frühzeitig dazu angehalten, Trainingsziele selbstständig zu verfolgen, ihre Leistungen zu reflektieren und Verantwortung für ihre körperliche Entwicklung zu übernehmen. Dieser Ansatz fördert nicht nur sportliche Leistungen, sondern stärkt auch wichtige persönliche Kompetenzen wie Disziplin, Selbstorganisation und Durchhaltevermögen.

Auch der Stellenwert von Gesundheit und Prävention wurde mehrfach deutlich. Sport wird nicht ausschließlich als Leistungsbereich verstanden, sondern als wichtiger Bestandteil eines gesunden Lebensstils. Die Förderung von Bewegung, körperlichem Wohlbefinden und langfristiger Gesundheitskompetenz ist fest im Schulkonzept verankert.

Norwegischunterricht

Besonders beeindruckend war die Offenheit, mit der gesellschaftliche und politische Fragestellungen behandelt wurden. Die Schülerinnen und Schüler waren es offensichtlich gewohnt, ihre Meinungen zu äußern und diese sachlich zu begründen. Gleichzeitig hörten sie aufmerksam zu, wenn andere Standpunkte vertreten wurden. Diese Diskussionskultur vermittelte den Eindruck, dass demokratische Werte nicht nur theoretisch behandelt, sondern im Unterricht tatsächlich gelebt werden.

Bemerkenswert war außerdem das hohe sprachliche Niveau vieler Beiträge. Die Jugendlichen argumentierten differenziert und zeigten ein ausgeprägtes und authentisches Interesse an internationalen Entwicklungen. Für uns war dies ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Schule junge Menschen auf die aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen vorbereiten kann.

Deutschunterricht in Norwegen

Während unseres Besuchs wurde deutlich, dass Fremdsprachenlernen in Norwegen stark auf Kommunikationsfähigkeit ausgerichtet ist. Grammatische Strukturen werden selbstverständlich vermittelt, stehen jedoch nicht isoliert im Mittelpunkt des Unterrichts. Vielmehr dienen sie als Grundlage für authentische Sprachverwendung.

Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten häufig in Partner- oder Gruppenarbeitsphasen und erhielten zahlreiche Möglichkeiten, ihre Sprachkenntnisse aktiv anzuwenden. Die Lehrkraft agierte dabei eher als Moderatorin und Unterstützerin des Lernprozesses. Diese Lernkultur förderte Selbstständigkeit und Eigeninitiative.

Besonders erfreulich war die große Bereitschaft der Jugendlichen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Die Begegnung mit Muttersprachlern stellte für viele eine motivierende Erfahrung dar und führte zu interessanten Gesprächen über Alltag, Schule und Kultur in Deutschland. Gleichzeitig erhielten wir einen Einblick in die Perspektiven norwegischer Jugendlicher auf Europa und internationale Zusammenarbeit.

Allgemeine Beobachtungen

Ein weiterer Aspekt, der uns auffiel, war das hohe Maß an Vertrauen, das den Schülerinnen und Schülern entgegengebracht wird. In vielen Bereichen wird davon ausgegangen, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen können und wollen. Dieses Vertrauen scheint sich positiv auf das Schulklima auszuwirken. Konflikte oder Disziplinprobleme waren während unseres Aufenthalts kaum wahrnehmbar.

Auch die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden wirkten ausgesprochen entspannt und gleichzeitig respektvoll. Hierarchien schienen weniger stark ausgeprägt zu sein als in vielen deutschen Schulen. Dennoch war jederzeit erkennbar, dass die Lehrkräfte als kompetente Autoritätspersonen akzeptiert werden.

Im Bereich Digitalisierung zeigte sich ein pragmatischer Umgang mit technischen Geräten. Digitale Endgeräte werden dort eingesetzt, wo sie einen pädagogischen Mehrwert bieten. Gleichzeitig existieren klare Regeln, um Ablenkungen zu vermeiden. Die Smartphone-Schränke in den Klassenzimmern stellen hierfür ein einfaches und zugleich wirksames Instrument dar.

Interessant war zudem die Gestaltung der Schulgebäude. Die Räume wirkten freundlich, hell und funktional. Zahlreiche Aufenthaltsbereiche ermöglichten individuelles Lernen sowie gemeinschaftliche Aktivitäten. Insgesamt entstand der Eindruck einer Schule, die Lernen nicht ausschließlich auf den Unterricht beschränkt, sondern als ganzheitlichen Prozess versteht.

Gehring, Vogt