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Zeitzeugengespr├Ąch mit Eva Franz

Am 19.11.2016 fand in der Aula des Julius-Echter-Gymnasiums in Elsenfeld eine Veranstaltung für die Schülerinnen und Schüler der neunten und zehnten Jahrgangsstufe statt, wie sie es wohl nicht mehr lange geben wird: Eva Franz, geboren 1940, ist eine der letzten Zeitzeuginnen, die die Schrecken der Konzentrationslager am eigenen Leib erlebt – und überlebt haben.
Als zu Beginn die Moderatorin Birgit Mair darum bittet, keine Fotos zu machen, auf denen das Gesicht der Zeitzeugin zu erkennen ist, da Eva Franz in der Nähe von Neonazis wohne und Angst vor Nachstellungen habe, scheinen Gegenwart und Vergangenheit zu verschwimmen: Jedem wird plötzlich bewusst, dass die Leidenszeit der abschätzig als „Zigeuner“ diffamierten Volksgruppe immer noch nicht wirklich zu Ende ist.



Nach einer kurzen historischen Einführung der Moderatorin hat Eva Franz das Wort, und in der nächsten Stunde wird sie ihre atemlos lauschenden Zuhörer in die grausame Welt ihrer Kindheit entführen, die sie in den KZs Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen verbringen muss, bis sie und Zehntausende ihrer Leidensgenossen in Bergen-Belsen von den vorrückenden britischen Truppen im April 1945 befreit werden. Sie ist gerade einmal fünf Jahre alt, aber bis an ihr Lebensende durch die grausamen Erlebnisse gezeichnet, und das nicht nur im übertragenen Sinn: Die in den rechten Unterarm eintätowierte Häftlingsnummer 4167 begleitet Eva Franz bis heute und ist ein Teil von ihr, den sich dann am Ende der Veranstaltung die Schülerinnen und Schüler sogar aus der Nähe ansehen dürfen.
Im Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau, in das die Familie 1943 deportiert wird, liegt die Todesrate bei 95 Prozent. Evas ältere Schwester stirbt schon vier Wochen nach der Einlieferung an Typhus. Der Vater organisiert für die kleine Eva heimlich etwas zu essen, wird aber von der SS erwischt und auf dem berüchtigten „Bock“ vor den Augen der zum Appell angetretenen Lagerinsassen ausgepeitscht, bis die Haut in Fetzen vom Rücken herunterhängt.
Der Vater wird später von Eva getrennt und kommt ins KZ Mauthausen, während Eva bei ihrer Mutter bleibt. Kurz vor der Befreiung von Bergen-Belsen stirbt Evas Mama an Erschöpfung. Eva ist jetzt ohne Eltern, eine Freundin der Mutter passt auf sie auf. Ihr Vater und eine Tante, die das Leiden im KZ als einzige ihrer großen Familie ebenfalls überlebt haben, können sie dann nach einer schwierigen Suche ausfindig machen und nach Hause holen.
Eva Franz ist sichtlich emotional berührt, die schlimmen Erlebnisse werden ihr durch das Erzählen wieder gegenwärtig. Oft muss sie schluchzen und ihre Geschichte kurz unterbrechen, um sich wieder zu fassen. Die Schülerinnen und Schüler lauschen gefesselt und können vieles kaum glauben, so fern von ihrer eigenen Gegenwart ist das, was sich vor nunmehr über 70 Jahren in Deutschland ereignet hat.
Am Schluss ihrer berührenden Erzählungen wünscht sie allen, dass sie so etwas nie erleben müssen. "Toll, dass Sie Ihre Erlebnisse weitergeben“, bemerkt eine Schülerin, und dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.
Alexander Thum


 
28.11.2016 22:36:22 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster