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Reden und reden lassen

Ein Schüler schaut mit gebeugtem Haupt etwas gequält auf sein Tischsegment. Ein anderer lässt seinen Kugelschreiber nervös zwischen den Fingern rotieren, während zwei Schülerinnen, die eine ihre Hände kontrolliert zur berühmten Merkel-Raute geformt, die andere ungeduldig an ihrer Halskette nestelnd - freundlich lächelnd die Augen nicht von der aktuellen Sprecherin abwenden. Eine Momentaufnahme einer Diskussionsrunde um die wichtigsten Eigenschaften von Lehrerinnen und Lehrern. Außer dem Wochentag, dem Samstag, ist noch etwas anders als im gewohnten Schulbetrieb: Bewertet wird nicht allein der intellektuelle Gehalt der Diskussionsbeiträge, sondern mehr noch das Verhalten innerhalb der diskutierenden Achtergruppe. Beobachter und Bewerter sind auch nicht Lehrer, sondern Mitschüler, die sich Notizen machen, wie teamfähig, kommunikativ, überzeugend und entscheidungsfreudig die Diskutanten agieren. Deren Aufgabe ist es, bestimmte Lehrereigenschaften in eine Reihenfolge zu bringen, die deren Wichtigkeit entspricht.
Es gilt bei den Redebeiträgen also eine Balance zwischen Durchsetzungswillen und Kompromissbereitschaft, zwischen Selbstdarstellung und aktiver Einbeziehung anderer zu finden. Wie im Feedback deutlich wird, ist es für die meisten gar nicht so einfach, bei dieser Realitätssimulation eines Assessment-Centers bewertet zu werden, aber auch andere zu bewerten. „Bei mancher Kritik fragt man sich schon, ob sie verletzend wirkt“, äußert Elena ihre grundsätzlichen Skrupel, um gleich darauf ihre eigene Beobachtertätigkeit weniger folgenreich zu charakterisieren: „Unsere Gruppe ist so aufgestellt, dass alle konstruktive Kritik aushalten können.“ Genau darum geht es: Die Kritik darf nicht verletzend sein, in der Analyse werden neben den Stärken natürlich auch die Schwächen benannt, offiziell heißen die allerdings „Entwicklungsfelder“. Deswegen empfinden die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das nachgespielte Assessment-Center am JEG auch als sehr gewinnbringend. Janina: „Man erfährt etwas über eigene Verhaltensmuster, von denen man vorher gar nichts wusste.“

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Die Simulation findet bereits seit mehreren Jahren als ein entscheidender Baustein im Rahmen der Berufs- und Studieninformation (BuS) der Q11 statt, die als offizielles Fach in der Oberstufe eingeführt wurde, um den Jugendlichen die Reflexion und letztlich auch die Entscheidung über ihr zukünftiges Berufsleben zu erleichtern. Ein Assessment-Center (AC) ist ein Personalauswahlverfahren, das unter mehreren Bewerbern diejenigen ermitteln soll, die den Anforderungen eines Unternehmens am besten entsprechen. Hierzu werden die Bewerber vor verschiedene Probleme gestellt und im Umgang mit diesen bewertet. Neben der Gruppendiskussion sind es an diesem Samstag Spontanreden zu Themen wie „Primark in der Aschaffenburger City-Gallerie“, „McDonald‘s am Elsenfelder Stachus“ oder „Autofreie Innenstädte“, längere materialgestützte Präsentationen zum Thema „Ehrenamt - Lust oder Frust?“, aber auch eine Selbstpräsentation als Teil eines Bewerbungsverfahrens.
Durch seine offene und humorvolle Art macht es Referent und Moderator Horst Blitz, der bei Deutsche Post DHL Leiter der Potenzialdiagnostik und damit für solche Auswahlverfahren verantwortlich ist und das JEG immer wieder „ehrenamtlich“ besucht, den Mitwirkenden aber auch leicht über ihre Schatten zu springen. Als Hinführung zur späteren Eigentätigkeit dient auch ein knapper Theorieteil, in dem der 53-jährige Hofstettener über die Elemente von Auswahlverfahren in Industrieunternehmen aufklärt: Dabei sei das AC nach der v.a. nach den Abiturnoten getroffenen Vorauswahl, einem eventuellen Testverfahren und erfolgtem Einstellungsinterview die letzte Hürde. Bei aller Selbstkontrolle sei es wichtig, dass die Menschen sie selbst bleiben, erklärt Blitz, denn Ziel aller Aufgaben ist es, etwas über die Persönlichkeit der Bewerber herauszufinden. Sein Schlusswort an die JEG-Schülerinnen und -schüler: „Dazu ist es aber auch nötig, dass ihr etwas von eurer Persönlichkeit zeigt“. In der Simulation ist das bei den meisten gelungen.

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Text: Fischmann

 
11.02.2015 19:12:27 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster