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Gedichte und Geschichten als Suchmeldungen

Was gibt es für eine Leseratte Schöneres, als den Autor der Geschichte direkt fragen zu können: Wie haben Sie dieses gemeint? Warum macht Ihr Hauptdarsteller jenes? Sind Sie das am Ende vielleicht selbst?

BildDer bekannte niederbayerische Autor, Mundartdichter und Verfasser von Radiofeatures des Bayerischen Rundfunks Harald Grill besucht seit einigen Jahren den Landkreis Miltenberg und macht Station an den vier Landkreisgymnasien Amorbach, Miltenberg, Erlenbach und Elsenfeld sowie an verschiedenen Grundschulen, jedes Mal dabei die Johannes-Obernburger-Volksschule in Obernburg. Organisiert wird die Lesereise alljährlich durch den Deutschlehrer Ansgar Stich des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld.
Mit über 75.000 verkauften Exemplaren dürfte der Roman „Da kräht kein Hahn nach dir“ inzwischen als Jugendbuchklassiker gelten. Zu der Zahl kommen noch verschiedene Auszüge hinzu, die in den gängigen Schulbüchern abgedruckt sind. Es geht in diesem Werk um eine Grundkonstellation, wie sie alle Schülerinnen und Schüler kennen: Neu sein in einer neuen Schule, fremdes Umfeld, fremde andere Kinder in der Klasse, fremde Lehrkräfte.
Harald Grill ist aber nicht einfach ein Vorleser seiner Geschichten. Seine Veranstaltungen sind oft eher ein Schauspiel als eine Lesestunde. Er verstellt die Stimme, schlüpft in die Rolle seiner Figuren, leidet mit Haut und Haaren mit, wenn die Hauptfigur Bernd geärgert wird, und lacht befreit auf, als es mit der neuen Umgebung, der Schule und auch dem angebeteten Mädchen am Ende doch etwas wird: Literatur für viele Sinne! Schauen, hören, spüren – man meint die fremde Großstadt fast riechen zu können.
Eine weitere Besonderheit an den Lesungen Harald Grills ist, dass er neben seinen Erzählungen den Beruf des Schriftstellers sehr plastisch werden lässt: Bücher kommen nicht einfach so über einen, sie erfordern lange und intensive Recherche von Materialien. Harald Grill lief immer mit kleinen Kärtchen herum und notierte alles, was er so erlebte und von dem er meinte, es könne im nächsten Buch vorkommen. Am Ende dieser Vorarbeiten zum Roman „Da kräht kein Hahn nach dir“ hatte er über 1000 Karteikärtchen mit „Erlebnishappen“ in 15 Schuhkartons verstaut. Anschließend wurden sie auf eine lange im Arbeitszimmer aufgehängte Wäscheleine verteilt. Hieraus entwickelte der Autor den Handlungsstrang der Geschichte, der in insgesamt 15 immer wieder veränderten Fassungen erzählt wurde. Hauptkritikerin seiner Werke ist dann seine Frau, Kriterium für ihre Zustimmung ist, ob sie gerne zuhört oder ihre Gedanken abschweifen. Ist sie unzufrieden, muss der Entwurf umgestaltet werden.
Aus diesen Elementen zaubert der niederbayerische Schriftsteller Harald Grill mit vollem Körpereinsatz eine Lesestunde, die ein Event ist, kein Durchkämpfen dröger Schullektüreseiten.
Harald Grills Schlussgedicht verdeutlicht seine Haltung zu sich selbst, seinen Werken und seinen Leserinnen und Lesern, mucksmäuschenstill und nachdenklich ist es am Ende, wenn er dreimal variiert:

„Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen – in dir.
Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen – in meinen Figuren.   
Meine Gedichte und meine Geschichten sind Suchmeldungen.
Manchmal suche ich mich mit ihnen – in euch.“

Und wenn eine Fünftklässlerin des Julius-Echter-Gymnasiums am Ende begeistert erzählt, dass das die beste Deutschstunde des Jahres war, dann weiß man, dass Harald Grill Lesebegeisterung weckt: Gibt es ein wichtigeres Ziel des schulischen Deutschunterrichts?
 
Text: Stich, Bild: Söller

 
26.05.2014 00:24:39 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster