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Sch├╝ler der Q12 auf den Spuren chinesischer Literatur

Am 08.11.2011 wurde es neun Schülern der Q12 ermöglicht, an einer Diskussionsrunde mit dem berühmten chinesischen Schriftsteller, Dichter, Dissident und Musiker Liao Yiwu am Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg teilzunehmen. Zu Beginn der Veranstaltung gab Liao Yiwu einen Einblick in seine bisherige Lebensgeschichte:
Geboren am 4. August 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs er als Kind von Eltern „ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“ in der großen Hungersnot der 60er Jahre auf.
1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, das in Windeseile Verbreitung fand, auch über die Grenzen Chinas hinaus - hierfür und für weitere literarische Tätigkeiten wurde er vier Jahre inhaftiert, gefoltert und mit dem Tod bedroht. Darüber hinaus wurden seine Manuskripte beschlagnahmt.
2007 wurde er zwar vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung wurde allerdings in letzter Minute verhindert.
2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser – Chinas Gesellschaft von unten“ auf Deutsch - dieses porträtiert Menschen vom Bodensatz der chinesischen Gesellschaft und ist in China verboten. Eines seiner weiteren Werke „Für ein Lied und hundert Lieder – Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ schildert detailliert seine Zeit im Gefängnis und legt keinen Wert auf Beschönigungen. Nachdem dessen Veröffentlichung untersagt wurde, plante Liao Yiwu die Flucht aus China, die ihm 2011 gelang und von der er in seinem neuen Buch, das 2015 erscheinen wird, erzählt. Seit seiner Flucht lebt er im Exil in Berlin.
2011 wurde ihm der Geschwister-Scholl-Preis verliehen und 2012 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Festrede in der Frankfurter Paulskirche sprach er vom „diktatorischen chinesischen Großreich" und fügte auf Deutsch hinzu: „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen.“

Den Schülern war es natürlich erlaubt, Fragen an Liao Yiwu persönlich zu richten – unabhängig davon, ob sie sich auf den Inhalt eines seiner Werke oder auf die Geschehnisse seines Lebens in China bezogen. Die Resultate dieser Fragenrunde werden im Folgenden geschildert: Wie viel ihm die Verleihung des Mutig-Preises bedeutet, konnte er kaum beschreiben. Dass wir seine Bücher lesen, berührt ihn sehr und er empfindet es als große Ehre. Er freut sich sehr darüber, dass wir Deutsche, vor allem die Jugendliche unter uns, ein freies Denkvermögen besitzen – dies ist in China unvorstellbar.
Den ersten Kontakt mit literarischen Werken erlebte Liao im Alter von drei Jahren: sein Vater, ein Lehrer der chinesischen Klassiker, zwang ihn, eben diese auswendig zu lernen – er wollte seinem Jungen zumindest eine gewisse Bildung vermitteln, denn in den Genuss einer Schulbildung kam Liao nie. Sein Vater erklärte ihm bereits, wie trickreich die chinesische Politik arbeite, doch in seinen jungen Jahren fand Liao kein Interesse daran. Sein Interesse für Politik wurde erst am 04.06.1989 geweckt: er selbst beschreibt das „Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens“ als das größte Ereignis seines Lebens.

Aufgrund der strengen Erziehung entstand ein sehr gespanntes Vater-Sohn-Verhältnis und wie Liao Yiwu berichtete, lernte er seinen Vater erst während bzw. nach seinem Gefängnisaufenthalt zu schätzen. Heute begeistern ihn die chinesischen Klassiker – darüber hinaus liest er sehr gern Geschichtsbücher und Bücher über die chinesische Hochkultur.
2009 wurde er zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, doch er durfte nicht aus China ausreisen. In Folge dieser Komplikationen wurde er von vielen ausländischen Reportern kontaktiert – was ihn selbst sehr überraschte. Ein Reporter übersetzte daraufhin „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser – Chinas Gesellschaft von unten“ privat ins Englische und arbeitete dann mit einem Lektor des Fischer-Verlags in Deutschland zusammen, woraufhin es hier bei uns veröffentlicht wurde. Doch auch diese Veröffentlichung gestaltete sich erneut als schwierig. Sie wurde im Jahr 2011 vom Verlag selbst verschoben, da Liao in seiner Heimat Konsequenzen drohten: würden sich Liaos Werke weiterverbreiten, drohe ihm eine erneute Inhaftierung von mindestens zehn Jahren, hieß es von chinesischer Seite. Dass der Fischer-Verlag ihn nicht in diese prekäre Situation bringen wollte, ließ Liao Vertrauen zu Deutschland aufbauen – es war das erste Land, dass er außerhalb China kennengelernt hatte und aus diesem Grund wählte er es als sein Exil.

Hier, in Deutschland, fühlt er sich sicher und herzlich aufgenommen. Die Unsicherheit, die er trotz allem in sich trägt, stammt noch aus China. In diesem Zusammenhang erklärt er, dass er sich auch heute noch unfrei fühle, obwohl er schon einige Jahre aus dem Gefängnis entlassen sei. Nach seiner Flucht im Jahr 2011 hatte er viele Albträume; einige davon kehrten und kehren immer wieder. In diesen wird er häufig mit Situationen konfrontiert, wo ihm Leid zugefügt und an ihm Gewalt ausgeübt wird – alles spricht dafür, dass es einen sehr langen – womöglich nie endenden – Prozess darstellt, die Erfahrungen aus dem Gefängnis zu verarbeiten. Seine Heimat, die Provinz Sichuan, sowie seine Familie und Freunde vermisst er allerdings sehr.

Sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser – Chinas Gesellschaft von unten“ beschreibt lediglich die Strukturen der chinesischen Gesellschaft; als Infoquelle hierfür nutzte er unter anderem seine Zeit im Gefängnis, in der er auf politische Gefangene und allerlei andere Verbrecher traf. Er übt jedoch keinerlei direkte Kritik am politischen System Chinas – die Frage, weshalb die chinesische Regierung ein Problem mit dem Inhalt des Buches hat bzw. hatte, kann er sich selbst nicht erklären. Trotzdem ist er in den Augen der chinesischen Regierung ein Staatsfeind. Nach seiner Flucht und seiner Friedenspreisrede erschienen vermehrt Zeitungsartikel in China, in welchen er zudem als „Verräter“ und „Verrückter“ bezeichnet wurde.

Als Hauptgrund dafür, dass der Großteil der chinesischen Politiker keine Kritik an der Regierung übt, nennt Liao Yiwu die Angst vor den Folgen der freien Meinungsäußerung. Diese Angst ist vor allem durch den 4. Juni aufgekommen, wo die chinesische Politik ihr wahres Gesicht gezeigt hat: sie ist – um es mit seinen Worten zu sagen   ein Panzer. Wie die politische Zukunft Chinas aussieht, ist auch ihm ein Rätsel; ob ein politischer Wandel überhaupt möglich ist, ist seiner Meinung nach fraglich. Er weiß auch nicht, wer einen solchen in Gang setzen könnte – er selbst auf jeden Fall nicht, davon ist Liao überzeugt. Er hat nur einen Wunsch: er will weiterhin seiner Schriftstellertätigkeit nachgehen und sich bei uns in Sicherheit wissen.
 
Text: Olivia Wiesner (Q12)

 
05.12.2013 19:18:21 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster