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Süskinds „Der Kontrabass“

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Aus dem Off erklang in der Aula des Elsenfelder Schulzentrums eine sanfte, aber doch kraftvolle Brahmssinfonie, dann rief eine helle, klare Stimme „Moment! Gleich kommt’s!“ Gleich darauf – mit hörbarem Stolz – ertönte zum Kontrabasssound: „Da! Das bin ich!“ Karl Koch, Leiter, Regisseur und Schauspieler beim Berliner „Ensemble Radiks“, präsentierte vor rund 150 Zuschauern am Mittwochabend in der Aula des Elsenfelder Schulzentrums den Erfolgs-Einakter von Patrick Süßkind „Der Kontrabass“. Das Besondere an diesem Abend: Wieder einmal hatte sich der Abschlussjahrgang des JEG entschlossen, die Kasse zur Finanzierung von Abiturball und Abiturzeitung mit einem Kulturereignis zu füllen statt mit einer der berühmt-berüchtigten Oberstufenpartys.

Ein paar mehr Besucher hätten Leonhard Hammel und sein Team aus dem Abiturjahrgang verdient gehabt, aber alle, die gekommen waren, gingen nach anderthalb Stunden hochzufrieden nachhause. Koch verkörperte den 39-jährigen Kontrabassisten mit viel Witz und großer Bühnenpräsenz, ließ ihn über die Besonderheiten des Kontrabassspiels in Wagners „Walküren“-Vorspiel oder in Carl Ditters von Dittersdorfs Kontrabasskonzert in E-Dur räsonieren und brachte immer wieder die Hassliebe des Musikers zu seinem sperrigen Instrument überzeugend zum Ausdruck. Er schwankte dabei zwischen Anflügen von Größenwahn über die Unverzichtbarkeit der Kontrabassisten im Orchester und ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen von Instrumentalisten, über die er sagt: „Wir machen für die anderen die Drecksarbeit und werden dafür verachtet.“
 
Bild 2Im Morgenmantel, mit Filzpantoffeln an den Füßen und der Bierflasche in der Hand – gegen den „Flüssigkeitsverlust“ beim Spielen – sitzt er in seiner schallgedämpften Wohnung und wartet auf den Abendauftritt, nur selten gestört vom Klopfen der alten Frau über ihm, die sich – trotz Dämpfung – vom intensiven Kontrabassklang gestört fühlt. Es ist eine Art Psychogramm eines alternden Musikers, der sich in „Anfällen“ von Selbsterkenntnis als untalentiert und sogar als unmusikalisch outet, die Schuld für seine Einsamkeit und sein Scheitern bei Frauen dem Kontrabass zuschiebt, der immer mehr zu einem – oft ungeliebten – Lebensgefährten mutiert. Die Hoffnung darauf, dass ihn die junge Sopranistin Sarah endlich wahrnimmt und ihn genau so liebt wie er sie, glänzt als irrwitzige Hoffnung am Horizont, und kaum jemand dürfte das offene Ende des Einakters so interpretieren, dass der Musiker bei der großen Aufführung am Abend tatsächlich endlich seinen wilden Schrei für „seine“ Sarah ausstößt. Schließlich hat er im Staatsorchester einen Beamtenstatus, und den wird er nicht aufs Spiel setzen.

Gut 30 Jahre ist der „Kontrabass“ inzwischen alt, der kurz nach seinem Premiere zum meistgespielten Theaterstück auf deutschsprachigen Bühnen avancierte, und immer noch zieht der Text mit seinen Insidereinsichten zum Musikbetrieb die Zuhörer in seinen Bann, fasziniert mit dem vielschichtig-skurrilen Porträt eines Musikers, mit den oft verblüffend schlüssigen Parallelen zwischen dem Orchester und der ganzen menschlichen Gesellschaft. „Als Schubert so alt war wie ich, war er schon acht Jahre lang tot“ – dieser Satz des Musikers spiegelt die sprachlich-gedankliche Brillanz des Stückes wie im Brennglas. Und auch das letzte Wort des Protagonisten, der  den Schlafrock gegen den Frack getauscht hat, ist geeignet, eine menschliche Existenz kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen: „Jetzt geh ich hin und schrei – wenn ich mich trau!“ Viel Lob am Ende für den Jahrgang Q12 des JEG, dass sie sich getraut haben, auf die Faszination von Kultur zu setzen.

Text und Bilder: Heinz Linduschka

 
01.03.2014 19:02:32 | Julius-Echter-Gymnasium, JEG Webmaster