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Freya Klier (DDR)

Die DDR war keine „Wohlfühldiktatur“

Die Bürgerrechtlerin Freya Klier als Zeitzeugin eines Unrechtsstaats vor Mittelstufenschülern

„Man soll sich erinnern“, lautet das Credo Freya Kliers, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Vermittlung des Wissens um die DDR-Diktatur nicht allein dem theorielastigen Geschichtsunterricht zu überlassen, sondern in zahlreichen Veranstaltungen an Schulen die Unmenschlichkeit im so genannten „Arbeiter- und Bauernstaat“ anhand eigener Lebensstationen zu veranschaulichen.

Auch für die Schülerinnen und Schüler der Klassen 9+b und 9+d ist die Vita der 1950 in Dresden geborenen Schauspielerin, Regisseurin und Filmemacherin beeindruckend: Nach der Verurteilung ihres Vaters, der ihre Mutter gegen polizeiliche Willkür in einer Straßenbahn beschützen wollte, lernte sie DDR-Schikanen bereits im jungen Alter von drei Jahren kennen, als sie mit ihrem Bruder in ein Kinderheim gesteckt wurde. Im Hilde-Domin-Saal kann man eine Stecknadel fallen hören, als sie vom Selbstmord ihres Bruders erzählt und dabei ein Foto von einem lächelnden jungen Mann nebst Freundin herumreicht. Ihren Bruder hatte man kurze Zeit nach der Entstehung der Aufnahme wegen systemkritischer Äußerungen in die Psychiatrie gesteckt und mit Psychopharmaka derart vollgepumpt, dass er sich psychotisch das Leben nahm. Freya Klier selbst wurde wegen eines Republikfluchtversuchs gleich nach ihrem Abitur 1968 – damals kaum älter als ihre Zuhörerschaft heute – zu 16 Monaten Haft verurteilt. Aufgrund ihrer kritischen Einstellung zum ostdeutschen Staat engagierte sie sich ab 1980 in der DDR-Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, konnte wegen eines Berufsverbots mit ihrem Partner Stefan Krawcyk ab 1985 nur noch in evangelischen Kirchen auftreten. 1988 wurde Klier schließlich wegen der Arbeit an einem Buch über „Jugend- und Erziehungswesen in der DDR“ verhaftet und ausgebürgert.

Dreieinhalb Stunden lang – unfreiwillig unterbrochen durch einen Feueralarm – erzählt die Zeitzeugin gegliedert nach Jahrzehnten vom Unrechtsstaat DDR, als Lehrervortrag unmöglich, als Lebensgeschichte einer Leidtragenden aber eine absolute Bereicherung, zumal Klier manche Thesen durch Spielszenen mit Schülerinnen und Schülern bzw. Ausschnitten aus selbst gedrehten Dokumentarfilmen bereicherte. Ein Höhepunkt: Nach einer kurzen Probe vor Beginn der Veranstaltung spielen vier Freiwillige zusammen mit der Theaterfrau Klier eine Szene aus dem DDR-Schulleben nach. Schultaschen werden kontrolliert und nach westlichen Life-Style-Produkten wie dem Rolling-Stone-Magazin oder einem Kicker-Heft gefahndet. Mit diesem kurzen Ausschnitt gelingt es die Atmosphäre des Überwachungsstaats DDR neu erstehen zu lassen. Die jugendlichen Zuschauer reagieren deswegen auch sichtlich irritiert, als die Bürgerrechtlerin, in die Rolle einer linientreuen Lehrkraft geschlüpft, die drakonischen Sanktionen verkündet, die den beruflichen Werdegang der Schüler von einst ruinieren sollten. Besonders beeindruckend auch die Filmausschnitte über den Freiheitswillen zweier DDR-Schüler, die Ende der 80er Jahre versuchten, über die bulgarisch-griechische Grenze zu fliehen und von Grenzsoldaten erschossen wurden.

Klier reist durch ihren spannenden Vortrag mit den zwei JEG-Klassen durch vier Jahrzehnte DDR-Geschichte und verweist dabei auch auf die Brüche in ihrem Leben: Träumte sie als Teenager noch davon, die verhasste DDR endlich verlassen zu können, hat sie die Ausbürgerung am Ende doch sehr getroffen, weil sie lieber weiterhin ihren Beitrag zu Veränderung leisten wollte. Denn das ist das außergewöhnliche an der Zeitzeugin Freya Klier: Sie hat ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte nicht nur miterlebt, sondern als Bürgerrechtlerin und Friedensaktivistin auch aktiv mitgestaltet. Das Resultat ist bekannt: Die friedliche Revolution des Jahres 1989 als eine der Sternstunden deutscher Geschichte.

Fischmann