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Verdun, Compi├Ęgne und Versailles

Erinnern aus Verantwortung für die Zukunft

„Was für ein Wahnsinn!“ oder „Man, war’n die dumm!“ Angesichts eines Meeres aus weißen Kreuzen und Stelen sind dies nur zwei der Äußerungen der 17 JEG-Schülerinnen und -Schüler, die drei Tage lang Geschichtsunterricht an Orten des Geschehens erlebten. Im Rahmen des W-Seminars zu „100 Jahre Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, das sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieg befasst, verbrachten sie drei Tage an drei Symbolorten des Ersten Weltkriegs: Verdun, Compiègne und Versailles.

Traurige Berühmtheit hat die Region um die lothringische Stadt Verdun erlangt, weil um den dortigen Festungsgürtel eine der schwersten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs tobte. Mehr als 300.000 Soldaten ließen ihr Leben, weit mehr als eine halbe Million wurde verwundet. Die Schüler konnten sich vor Ort ein persönliches Bild über die Symbolkraft Verduns für die Sinnlosigkeit und die Unmenschlichkeit einer industrialisierten Menschen- und Materialschlacht machen.
Bei 16 Schülerinnen und einem Schüler, die von Kursleiter Harald Fischmann und dessen Kollegin Anja Hirdina begleitet wurden, rückten durch den Besuch die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern und das Leiden der Soldaten auf beiden Seiten der Front ganz nah und hinterließen einen tiefen Eindruck. Spätestens als die Jugendlichen vor den Tausenden von Grabkreuzen der Nécrople nationale de Fleury-devant-Douaumond standen und sich in der Gedenkstätte L'Ossuaire de Douaumond das Beinhaus mit Knochen von 130 000 nicht identifizierten Soldaten konfrontiert sahen, war ihnen anzumerken, dass der Krieg nun auch für sie eine persönliche Dimension erlangt hat. „Bedrückend“ und „Verstörend“ waren Adjektive, die den Besucherinnen und Besuchern vom JEG in den Sinn kamen, als sie die Lebensdaten eines gefallenen 19-Jährigen im Beinhaus entdeckten.
Die Geschichtsexkursion machte den Teilnehmern auch die Unterschiede in der Erinnerungskultur bewusst: Neben der Würde des Nationalfriedhofs, die Sensationsgier des Memorial am Tranchée des Baïonnettes, wo der Legende nach ein französischer Stoßtrupp durch das Bombardement vor Verdun lebendig begraben wurde, so dass bis heute nur noch die aufgepflanzten Bajonette aus dem Boden ragen, der gruselige Schauer von Knochenhaufen, die man durch Guckfenster des Beinhauses erblicken kann, oder das effektheischende Infotainment einer Ausstellung in den Kasematten der Festungsstadt Verdun, wo die Schüler mittels Schienenbahn durch multimedial aufbereitete Kriegsituationen geleitet werden.
Die Führung über die Clairière de l'Armistice, die Waldlichtung unweit von Compiègne, auf der in einem Eisenbahnwaggon am 11.11.1018 der Waffenstillstand und später im gleichen Abteil die Kapitulation Frankreichs gegenüber Nazi-Deutschland unterzeichnet wurden, machte deutlich, dass im Laufe der letzten 100 Jahre ein wichtiges Umdenken stattgefundne hat. Der französischen Fremdenführerin war es sichtlich peinlich, dass im Zentrum des Gedenkorts eine kurz nach Kriegsende formulierte Inschrift den „frevlerischen Hochmut des deutschen Reichs“ in revanchistischer Manier kritisiert. Seit letztem Jahr sind darunter allerdings auch Worte in Deutsch zu lesen, die anlässlich des Treffens von Macron und Merkel zum 100-jährigen Gedenken am 11. November die „deutsch-französische Aussöhnung im Dienste Europas und des Friedens“ würdigen. Neben dem Museum mit dem – nicht ganz originalgetreuen – Waggon der Unterzeichnung war für die Schülerinnen und Schüler besonders interessant, originale Ausrüstungsgegenstände von damaligen Soldaten anfassen, teilweise auch anziehen zu können. „Ich hätte nie gedacht, dass die Soldaten soviel Zeugs mit sich rumschleppen mussten“, meine eine Beteiligte, während sie Helm und Karabiner eines englischen Soldaten trug. Erst dadurch wurde ihr klar, was für eine Tortur auch ohne Kampfhandlungen allein darin bestand, mit bis zu 30 Kilogramm Gepäck durch knietiefen Morast stapfen zu müssen.
Auch Paris, wo die Reisegruppe in der architektonisch hypermodernen Jugendherberge Yves Robert untergebracht war, hinterließ neben seiner Pracht bedenkliche Eindrücke: Obdachlose, die auf dem Mittelstreifen zwölfspuriger Autobahnen campieren, Flüchtlinge die in Slums aus Zivilisationsmüll an den Ausfallstraßen leben und zweibeinige Bettler die einbeinige mit deren eigener Krücke verprügeln – und daneben die Hektik einer Großstadt, die sich für solche Schicksale nicht zu interessieren scheint.
Letzte Station war nach einem Abstecher ins Zentrum der Seinemetropole mit obligatorischen Bildern von der in der Sonne strahlenden Pyramide des Louvre und dem spätabendlich blinkenden Eiffelturm das Schloss von Versailles, der Ort, an dem nach einer halbjährigen Friedenskonferenz am 28.06.1919 der Friedensvertrags unterzeichnet wurde, der den Ersten Weltkrieg für Deutschland und seine Kriegsgegner auch rechtlich beendete und dessen Bestimmungen bereits den Keim für den nächsten Krieg ins sich bargen. Erstaunlich war, dass selbst im Jubiläumsjahr Führungen zu dem Thema nicht nachgefragt und deshalb auch nicht angeboten waren. Die offizielle Führung beschäftigte sich daher v.a. mit Größe und Glanz des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger, die Informationen zum Kriegsende wurden von den Lehrkräften selbst gegeben. O-Ton Schülerin zum Schauplatz des Geschehens: „Der Massentourismus hier versaut doch einiges!“
Die Intention des Kursleiters war es, durch das dreitägige Erleben der historischen Schauplätze ein grundsätzliches Bewusstsein dafür zu schaffen, was Krieg bedeutet. Genau von dieser Einstellung hänge nicht nur das kollektive Gedächtnis für Katastrophen wie den Ersten Weltkrieg ab, sondern auch die Wertschätzung des Friedens generell, insbesondere durch ein vereintes Europa.

Weitere Bilder zur Fahrt sind in der Bildergalerie zu finden.